Nächste Massenkündigung in Basel: An der Erikastrasse müssen alle Mieter raus

von Benjamin von Wyl — bz Basel  6.6.2018 um 04:30 Uhr

20 Mietparteien im Klybeck wurde vergangenen Freitag die Wohnung gekündigt. Die Immobilienfirma, die die Wohnungen gekauft hat, will sanieren.

«Beide Arme ausstrecken und alle Klingeln gleichzeitig betätigen!», habe E. R.* vergangenen Freitag dem Postboten geraten. Die ältere Dame wusste bereits, weshalb er sie runtergeklingelt hatte: für das Kündigungsschreiben ihres Vermieters. Die Mieterinnen und Mieter der Erikastrasse 6, 7 und 9 sind am Vorabend informiert worden, dass sie in einem halben Jahr ausziehen müssen. Zum Infoanlass kamen zwischen 25 und 30 Leute. Er begann um 17 Uhr. Ungünstig für Erwerbstätige.

In den drei Häusern leben 20 Mietparteien, insgesamt etwa 50 Leute. Darunter sind viele Familien, eine Studenten-WG, ältere Alleinstehende. Manche leben seit 30, manche seit 40 Jahren in derselben Wohnung. E. R. ist 2001 mit ihren Kindern hierhingezogen. Bei ihren beiden Töchtern V. G. und G. T. hat der Postbote am Freitag ebenfalls geklingelt. V. G und G. T. leben mit ihren eigenen Familien ebenfalls an der Erikastrasse.

Unklar, wie die Mieten steigen

Die Erikastrasse ist eine kurze Sackgasse hinter dem ehemaligen Novartisgebäude an der Klybeckstrasse. Bis Ende Mai waren dort kreative Zwischennutzer eingemietet. In der ersten Juni-Woche sind schon Bauarbeiter da. Hier entsteht das neue Stadtquartier «Klybeckplus». Die errichtete Bauwand zieren bereits Graffiti-Sprüche: «Kein Rausschmiss an der Erika» und «Erikastrasse bleibt». Die Sprayer haben schnell reagiert.

Vorne die Industriegebäude, das Tram und der Autoverkehr. Aber in der Erikastrasse ist es geradezu beschaulich. «Es ist hier immer ruhig. Ausser wenn die Kinder die Strasse in Beschlag nehmen», erzählt V. G.. Die Lage sei ideal für Familien mit Kindern. Parks und die Schulen aller Stufen sind nah. Die drei Frauen wissen nicht, wo sie schnell eine neue, bezahlbare Wohnung finden sollen, möchten nicht als Familie auseinandergerissen werden. E. R. und ihre Töchter haben jetzt Schlafprobleme.

Können sie nach der Sanierung nicht einfach zurückkehren? Zusicherungen gibt es keine. Noch ist unklar, wie stark die Mieten steigen. Die Töchter berichten zudem, dass ihnen an der Infoveranstaltung klargemacht worden sei, dass wer die Massenkündigung anfechte, definitiv nicht zurück könne. Die drei Frauen wollen das aber tun. «Die Mehrheit wird Einspruch erheben», ist sich V. G. sicher. Die Entscheidungsversammlung beim Mieterverband steht noch bevor.

Niemand bestreitet, dass die drei Häuser sanierungsbedürftig sind. Niemand bestreitet, dass die Mieten steigen, wenn die nötige Sanierung abgeschlossen ist. Sie sind vor 80 Jahren erbaut worden. Aber dass eine Sanierung nur mit Zwangsauszug der Mieter möglich ist, kann bezweifelt werden. Die frühere Besitzerin, eine Erbengemeinschaft, hat auch ein Angebot der Genossenschaft Mietshäuser Syndikat in Erwägung gezogen.

6,8 Millionen Franken habe das Mietshäuser Syndikat für die drei Häuser an der Erikastrasse, eine weitere Liegenschaft in Birsfelden und im Neubad geboten. Die Mieter der beiden anderen Häuser haben bisher keine Kündigung erhalten. Ivo Balmer von Mietshäuser Syndikat sagt: «Unser Sanierungsplan hätte den Bewohnern ermöglicht, in der Wohnung drinzubleiben.»

Alles verdreht?

«Das kann jeder sagen», entgegnet dem Michaël Brachfeld von der BEM Property Group. Die Zürcher Immobilienfirma ist die neue Eigentümerin der Häuser an der Erikastrasse. Laut ihrer Homepage ist sie in «Schweiz, Österreich, Osteuropa» tätig. Brachfeld war der Gastgeber am Infoanlass vergangenen Donnerstag. Stimmt es, dass die Mieter definitiv nicht zurückdürfen, wenn sie die Kündigung anfechten?

«Ich hab dort alles ganz klar gesagt, und man kann alles verdrehen und so weiter», erwidert Brachfeld. Die BEM Property Group bedauere die Kündigungen, aber die Wohnungen seien heruntergewirtschaftet. Auch künftig sollen hier Mieter leben; Stockwerkeigentum sei keine Option. Die Firma ist in der Planung noch nicht so weit, dass sie die künftigen Mietpreise nennen könne.

Auch mit dem Mietshäuser Syndikat wären die Mieten gestiegen. Laut Ivo Balmer wäre der von ihnen projektierte Anstieg für die bisherigen Mieter verkraftbar gewesen. «Für grosse Investoren spielt der Kaufpreis keine Rolle. Was hier bezahlt worden ist, ist nicht, was die fünf Häuser wirklich wert sind. Bezahlt wurde, was du künftig an Marktmiete an dieser Lage erwirtschaften könntest», sagt Immobilienexperte Balmer. Der Preis sei ein Versprechen für die Zukunft.

Im Quartier um die Erikastrasse soll im Rahmen von «Klybeckplus» und «3land» Wohn- und Arbeitsraum für je 30’000 Menschen entstehen. In dieses Zukunftsversprechen hat die BEM Property Group investiert.

* Namen der Redaktion bekannt